Boa Vista

Beobachtungen: Wer mit wenigen Vorstellungen in ein Land reist, hat es einfacher überrascht zu werden. Die Kap Verden stehen nun seit circa 3-4 Jahren auf meiner Reiseliste. Ich hatte einige Bilder gesehen, mal einen Artikel gelesen, meine Fantasie hatte ihr übriges getan. Ich hatte etwas Tropisches im Sinn. Vielleicht wie Madeira. Auf jeden Fall grün und wüst. Doch schon beim Anflug auf Boa Vista wurde klar, dass der Name „grünes Kap“ nicht von dieser der insgesamt 15 Inseln stammen kann. Denn die drittgrößte der Inseln liegt im Atlantischen Ozean wie ein knuspriger goldbrauner Pfannkuchen. Eine puderzuckerweiße Sanddüne säumt die Westküste und versüßt die ersten neugierigen Blicke beim Landeanflug. Ich sehe schon von oben, dass Boa Vista zurecht wegen seiner schönen Strände ein immer beliebteres Reiseziel ist. Dieses Mal bin ich zum Kiten gekommen. Ein nächstes Mal möchte ich wandern. Mich reizen besonders Fogo und San Antao. Aber Inselhopping ist teuer und aufwändig, in diesen 2 Wochen werde ich mich also nur auf Boa Vista konzentrieren. Und das ist gut so. Denn neben schönen Stränden, bietet auch das karge Landesinnere, mit seinen wüstenartigen Weiten und den kleinen bunten Dörfern schöne Ausblicke – boas vistas eben.

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Der sehr eigene Charme der Insel mag für manche gewöhnungsbedürftig sein. Denn das Stadtbild von Sal Rei, der größten Stadt der Insel, wird von vielen Bauruinen bestimmt – nackten unverputzten Häuserwänden, Straßen die im Sande verlaufen. Eine bunte Mischung aus Verfall und Neubau. So manches Gebäude steht sie unwillkürlich und einsam herum, als sei es einfach von Himmel gefallen. Mit dem Tourismus wächst auch die Kluft zwischen Arm und Reich. Aber es ist nicht nur der Bebauungsplan der mir spanisch, beziehungsweise in dem Falle portugiesisch, vorkommt. Wieso sitzen in den Supermärkten nie Einheimische, sondern immer Chinesen? Kann es wirklich sein, dass 1 Mango, 2 Mandarinen, 2 Kiwi, 1 Limette, 3 Tomaten auf dem Markt bei den Einheimischen 10€ kosten? Warum habe ich eigentlich Geld umgetauscht (und am ATM jedes Mal 1,65€ Gebühr bezahlt), wo hier ohnehin alles gemischt mit Euro und Escudos bezahlt und 1:1 umgerechnet? Und weshalb gibt es auf so einer kleinen Insel ein richtiges Ghetto? Jede Menge Fragen, die mir die freundlichen Einheimischen, geduldig und erfreut über so viel Interesse, in den 2 Wochen beantworteten.

Platz Sal ReiHafen Sal ReiStadtstrand Estoril

Die Chinesen haben ein Abkommen mit der Regierung. Sie dürfen steuerfrei ihre Ware auf Boa Vista verkaufen und in den kapverdischen Gewässern fischen. Was die Chinesen dafür im Gegenzug an das Land hergaben, kann ich nur ahnen. Einen neuen Hafen vielleicht? Oder gleich die ganze Seele des Landes? Gemüse und Obst ist hier tatsächlich so teuer, weil im Prinzip alles importiert werden muss. Außer Papaya, Tomaten, Kartoffeln, Ziegenkäse und Fisch kann die Sandinsel selbst nicht viel anbieten. Ach ich vergaß – den Tourismus! Und der lockt viele Menschen aus dem Senegal, Nigeria, Guinea und von den anderen kapverdischen Inseln an. Nur noch circa 20% der Einwohner Boa Vistas sind tatsächlich Einheimische. Und da es ausländische Investoren scheinbar leicht haben und den meisten Einheimischen die Möglichkeiten für ein eigenes Business fehlen, ist so eine Art Zweiklassengesellschaft entstanden. Die Italiener, Franzosen und Portugiesen betreiben die Bars und Restaurants, die Einheimischen und Zugewanderten arbeiten für sie. Und die meisten von ihnen leben in den „Barracas“ oder dem ärmlichen Rabil. Wer also nach Boa Vista reist, möge versuchen die Locals zu unterstützen, wo es nur geht. Ein großes Problem ist nämlich, dass die meisten Besucher Pauschalreisende TUI Urlauber sind, die sich 14 Tage nicht aus ihrem Hotel bewegen und keinen Cent auf der Insel ausgeben. Die Lebensmittel für ihre All-Inclusive-Touristen importieren die Ketten selbst. Land und Leute profitieren von diesen Urlaubern also so gut wie gar nicht, obwohl sie ihre wundervollen Landabschnitte an diese Hotels verloren haben. Zwei große RIU Hotels wurden wie riesige UFOs direkt an die schönen Sandstrände gesetzt. Es gibt so viele nette Selbstversorger-Apartments in Sal Rei und wundervolle Restaurants. Wie mir die Locals sagten hoffen sie sehr auf mehr Reisende, die diese Art von Urlaub auf ihrem geliebten Boa Vista wählen. Vielleicht kannst Du ihnen diesen Gefallen ja tun?

Markt Boa Vista

Viecher: Eine weitere Besonderheit von Boa Vista sind die Schildkröten. Beim Kiten hatte ich eigentlich täglich das Vergnügen, diesen wunderschönen grünen Tiere, mit dem hübschen Muster auf dem Panzer, zu begegnen. Neugierig steckten sie den Kopf aus dem Wasser und verschwanden dann doch lieber schnell im türkisen Untergrund, als ich angesaust kam. In den Monaten Juli bis Oktober kann man hier auch an Hilfsprojekten für die freundlichen Meeresbewohner teilnehmen oder den Tieren beim Schlüpfen zusehen. Ansonsten begegnet man auf der Insel unzähligen dürren Ziegen, einigen wenigen Kühen, sehr nachtaktiven und wehleidigen Eseln (von wegen „IA“, die kreischen wie Ferkel!) und unzähligen streunenden Straßenhunden. Diese sind aber im Gegensatz zu den balinesischen Hunden lieb und zahm wie Kätzchen. Und so kam es, dass wir auf Schritt und Tritt von 2-3 freundlichen Vierbeinern begleitet wurden, die fröhlich auf uns Acht gaben. Und wer bei der Reisewahl den Wal sucht und nicht den Wind, wird hier anscheinend besonders im März und April fündig.

Fauler Hund Boa VistaEsel Rabil Boa Vista

Erfahrungen: Reisen ohne Navigationssystem. Alle Karten, die wir von der Insel in der Hand hielten waren so unpräzise, dass sie als Wegweiser auf den Straßen und Staubwegen nicht besonders hilfreich waren. Mit unserem gemieteten Roller verfuhren wir uns so sehr, dass wir eine Stunde durch knöcheltiefen Sand zwischen den wenigen Palmen der Insel umherirrten und das Fortbewegungsmittel selbst fortbewegen mussten. Laut Karte ein Weg. Aber höchstens für ein Quad. Nur das erkennt man in so einem schwarzen Strich auf dem Papier ja leider nicht. Es floss reichlich Schweiß (irgendwann sogar aus Nervosität) bis wir eine der wenigen asphaltierten Straßen wieder gefunden hatten. Zum Glück habe ich eine gute Orientierung…Sterne kann ich nämlich nicht lesen. Vor allem nicht wenn es hell ist…

Einheimischer Boa Vista

Eine andere Erfahrung war der Besuch in den „Baraccas“. Dem sogenannten Ghetto in Sal Rei. Wir hatten uns vorher genau erkundigt, ob wir Bleichgesichter dort problemlos hineinmarschieren könnten. Anscheinend kein Problem. Wir machten uns also eines Morgens ohne Gepäck auf den Weg in das Viertel, in dem zumeist Zugewanderte auf engstem Raum leben. Beinahe wären wir nach wenigen Metern umgekehrt, weil es sich plötzlich so komisch anfühlte, in diese so fremde Welt vorzudringen. Doch dann nahmen wir den Mut zusammen, setzten ein freundliches Lächeln auf und gingen los. Schon nach der ersten Biegung befanden wir uns in einer gänzlich anderen Welt. Irgendwo mitten in Afrika. Ich hatte von solchen Orten bisher nur in Büchern gelesen. Die Wege aus Sand, die Häuser flach und unverputzt. Überall Menschen auf den Wegen. Eine ganz eigene Atmosphäre. Die Geräusche waren anders, der Geruch sowieso. Zwei Frauen kochten in einem brodelnden Kessel Fleisch aus. Auf einem größeren Platz spielten junge Männer Tischfußball. Den Blicken der Bewohner nach zu Urteilen kommen nicht allzu oft Reisenden in die „Barracas“. Sie schauten nicht unfreundlich, eher verwundert. Hier und da ein scheues Lächeln.

Man kann wohl auch negativ darüber denken, dass wir uns dort umschauten. Ich selbst bin zwiespältiger Meinung darüber und habe damals auf die Favela Tour durch Rio de Janeiro lieber verzichtet. Man will schließlich nicht, dass die Menschen zu Schauobjekten werden. Und man selbst zum Schaulustigen. Aber da ich bin von Natur aus neugierig bin und Orte eben gerne ganzheitlich erkunde, gehörte dieser kurzer Besuch der „Baraccas“ für mich dazu. Zumal die Locals es ja quasi bewilligt hatten. Außerdem geht es den Menschen die dort leben, laut verschiedener Meinungen, gut. Sie haben alles. Leiden keinen Hunger. Und während im Zentrum von Sal Rei öfter mal der Strom ausfällt, passiert das in den „Barracas“ anscheinend nie. Eine kleine eigene Welt. Ein eigenes Ökosystem. Die aber ein Teil von Boa Vista ist. Weshalb ich sie auch entdecken wollte. Und er erzählt eben auch viel, über die Geschichte und Problematik der Insel.

Frau Las Barracas Sal ReiLas Barracas Sal Rei Boa Vista

Investitionen: Trotz der recht teuren Lebensmittel, lässt es sich auf Boa Vista gut und günstig leben. Für plus/minus 50€ die Nacht bekommt man schöne Doppelzimmer, B&B’s oder ganze Apartments. Zum Beispiel:

• im Casa Velha Resort (auch via Airbnb) // für Kitesurfer strategisch am Besten // hier waren wir
• im Migrante Gustehouse // etwas weiter weg vom Kitespot // sehr hübsch
• bei Ca’ Nicola // nur vom Hören-Sagen // anscheinend viele Kiter

Casa Velha Boa Vista Kap Verden

Im Restaurant kostet eine Speise meist um die 7€. Und ich spreche hier zum Beispiel von fangfrischem Tunfisch Filet.

Besonders empfehlenswert sind diese Restaurants:

Cabo Café // super Preis-Leistung // reservieren & manche Speisen vorbestellen
Doce Vida // Bäckerei // leckeres Gebäck und guter Kaffee
Cá Nixa // etwas versteckt // Einheimisch
Cá Baby // wenn es doch mal italienisch sein soll // gut, günstig, super freundlich
Esplanada Municipal Silves // Treffpunkt vieler Einheimischer auf dem Hauptplatz // günstig und gut
Bahia und Morabeza // Strandbars am Estoril Beach mit super Flair // gut für Mittags

Fisch Boa VistaHafen Sal Rei Boa Vista

Die Fortbewegung auf der Insel ist ein Thema für sich. Die meisten mieten sich für 75€ am Tag ein Quad. Uns war das zu teuer. Wir haben lieber für 7 Stunden einen Roller gemietet und 23€ bezahlt und einen weiteren Tag für 65€ einen 4×4 Drive gemietet. Das ist allemal günstiger als die angebotenen Touren (ca. 100€ p.P.) und viel abenteuerlicher (siehe Erfahrungen).

Einsame Straße Boa Vista Kap Verden

Orte:

• Die Fahrt zu den geruhsamen Dörfern Joao Galego und Fundo das Figueras lohnt sich landschaftlich und kulinarisch. Die Strecke führt durch eine einsame Ebene und bringt Dich in zwei wirklich hübsche Orte. Im „hinteren“ der beiden kannst Du im Restaurant Reecontro köstlichen Fisch mit Reis, Bohnen und Pommes essen. Wenn Du unser Glück hast, spielen bei Dir auch die beiden freundlichen Opis auf der Gitarre einen kubanisch-anmutenden Sound dazu.

Fundo das Figueras Boa Vista

• Viana. Eine weiße Wüste unweit von Rabil. Da es anscheinend verboten ist, auf dem Sand zu fahren, haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht.

Viana Sanddüne Boa Vista

• Noch schöner ist die Düne, die ich oben bereits erwähnt habe. Hinter dem unverschämt großen RIU Hotel, weiter hinter den letzten Hotelanlagen gen Süden, befindet sich diese wunderschöne weiße Düne, die hier auf glasklares türkises Wasser trifft. Nicht verpassen! Und Achtung, Naturschutzgebiet – also bloß nicht mit Quad oder Auto befahren.

Düne Boa Vista Kap Verden
• Santa Monica Beach. Ein einsamer, beinahe karibischer Strand. Weißer Sand so weit das Auge reicht. Das Wasser ist sooo seicht und klar. Schnell hin, gerade zieht jemand am einen Ende des Paradieses eine Hotelburg hoch.

Strand Boa Vista

• Es gibt noch ein Schiffswrack im Norden der Insel. Wir haben es aus der Ferne gesehen. Wir waren nicht so „Sehenswürdigkeiten“-hungrig, als dass wir uns auf der Sandpiste dorthin begeben hätten.

Pferde Boa VistaReisen Boa Vista Kap Verden

Gute Reise: Ich hatte besonders auf Boa Vista das Gefühl, dass man, mit ein wenige Bedacht, als Reisender noch etwas Positives ausrichten kann. Ich würde mich freuen, Dich an meiner Seite zu wissen, deshalb hier ein paar Ideen:

• Bringe Dir eine Jute Tasche mit. Überall gibt es hier Plastiktüten umsonst. Leider immer öfter auch im Meer. Zum Bäcker habe ich morgens einfach immer wieder die gleiche Tüte mitgenommen.

• Support your local hero. Wie oben erwähnt, kaufe Dein Gemüse und Obst möglichst bei den Einheimischen auf der Straße oder dem Wochenmarkt.

• Ich habe einige Kleider von mir mitgebracht und verschenkt. Und habe damit eine große Freude bereitet.

• Außerdem kannst Du Stifte, Blöcke oder andere Schulsachen für die Kinder mitbringen. Wir wurden oft von Kindern um Geld angebettelt, die es angeblich für die Schule brauchen. Sie hatten sich richtig professionell mit einem „Formular“ ausgerüstet. Gib’ den Kindern besser kein Geld, auch wenn es vielleicht schwer fällt. Die Eltern müssen lernen, dass sie ihre Kinder nicht für sie arbeiten lassen. Auch Süßigkeiten sind leider nur eine kurzweilige Freude – die zahnärztliche Versorgung ist scheinbar recht schlecht.

• Wenn Du auch Wassersportler bist oder einfach ein Naturfreund bist, organisiere doch ein Beach Clean Up mit (D)einer Surf Station. Ich selber habe es geschafft, mit den Locals der Schule Kite Kriol den Strand am Punta Antonia aufzuräumen. Wir waren bestimmt 20 Leute, die den Müll, der oft auch aus Guinea angespült wird, aufzusammeln. Das Plastik ist gefährlich für die Schildkröten. Sie halten die Plastiktüten für Quallen, fressen sie und sterben daran. Aber auch Müllsammeln im Kleinen hilft – den Müll, den ich in den Sanddünen entdeckte habe ich auch aufgesammelt. Je mehr Leute mitmachen, desto … Du weißt schon.

• Nimm’ schwer zu entsorgenden Müll wieder mit nach Hause. Auf Boa Vista wird alles verbrannt und nichts recycelt…

Wenn Du noch andere Ideen hast, teile sie gerne in dem Kommentaren. 13 Tipps für Nachhaltiges Reisen findest Du hier.

Kitesurfer Beach Clean Up

Categories: Afrika, Kap Verde

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2 replies »

  1. Danke für die vielen tollen Tipps und vor allem auch die guten, hilfreichen Infos über die Insel (-> Beobachtungen). Es ist gut zu wissen, wie man die Einheimischen unterstützen und sich von dem oft leider gedankenlosen Touristen abheben kann.
    Und Hut ab für den Beach Clean Up!🤙🏼

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