Tegucigalpa // Utila

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Erfahrung der Woche: Nightdiving. Vor 1,5 Monaten habe ich in Kolumbien tauchen gelernt. Und da ich es so sehr liebe, dieses Gefühl von absoluter Schwerelosigkeit unter Wasser, die Ruhe, die Einsamkeit und Schönheit in dieser anderen, unendlichen Welt, führte meine Reise mich nach Utila, einer kleinen Insel in der Karibik von Honduras. Ein optionaler Teil meines Fortgeschrittenen Kurses war also ein Nachttauchgang. Es war neben meinem Fallschirmsprung in Australien die ungewöhnlichste und beeindruckendste Erfahrung meines Lebens. Es sind diese Dinge vor denen man ordentlich Respekt hat, zu denen man sich irgendwie überwinden muss. Nur so kann die einmalige Mischung aus Adrenalin und Stolz ein Gefühl hervorbringen, das sich wohl Glück oder Rausch nennen, aber schwer beschreiben lässt. Nachdem auch das letzte Sonnenlicht vom Meer verschluckt worden war, verschluckte das Meer auch uns – meinen Buddy (der obligatorisch für jeden Tauchgang ist), meinen Tauchlehrer, seinen Lehrling und mich. Das Abtauchen war zwar schon ein halbwegs gewohnter Vorgang geworden, doch diesmal, so kann sich auch jede Landratte denken, war alles völlig anders. Man konnte nicht wirklich sehen wohin man da sank wie ein nasser Sack Kartoffeln. Das mechanische Geräusch des Sauerstoffgerätes wirkte wie das heisere Atmen eines Roboters und die dazwischen hervor blitzende Stille schien nun noch stiller zu sein. Mein Tauchlehrer schwebte vor mir wie ein Astronaut im Weltall und ohnehin glich alles einer Expedition ins Universum. Der Kegel der Taschenlampe war zwar größer als ich gedacht hatte, dennoch formte er nur eine undefinierbare Blase um mich und meine plötzlich so beschränkte Welt. Ich schaltete das Wissen aus, dass da um mich herum nicht wirklich eine beschränkte Welt lag, vielmehr nämlich eine Welt voller riesiger Fische und Gefahren, die sich in dieser Umgebung viel besser auskannten als ich (und vor allem auch besser sehen konnten als ich). Ich konzentrierte mich also auf die Eindrücke die sich vor mir boten: Ich flog schwerelos und langsam durch einen Zauberwald aus leuchtenden lilafarbenen und roten Korallen, die durch den direkten Aufprall meines Taschenlampen-Lichtes eine intensivere Farbe hatten als beim Tageslicht, welches sich nämlich niemals in diese Tiefen verirrt um diesen bizarr geformten Skulpturen diesen Glanz zu verleihen. Zwischen den verschwommenen Riff -Bergen flogen gemächlich Fische umher wie Schmetterlinge mit Flossen. Einige schliefen schon müde unter ihren Korallenhäusern und andere flüchteten vor dem entblößenden Lichtkegel. Obwohl ich durch ihre Welt schwebte wie eine Feder im Neoprenanzug versuchte ich zu schleichen. Ich wollte niemanden aufwecken und so flog ich auf Fußspitzen durch ihre Heimat in der ich mich seltsam wohl und geborgen fühlte. Als wir die Taschenlampen ausknipsten, um ein wahres Gefühl für die Dunkelheit zu bekommen, sandten sie uns tausende von kleinen fluoreszierenden Wesen zur Hilfe, die jede unserer Bewegungen mit einem aufgeregten Wirbel von bläulichem Licht bejubelten. Es war, als wollten sie uns willkommen heißen und als gäben sie sich alle Mühe, dies mit einem aufwendigen und unvergesslichem Feuerwerk zu tun. Der Aufwand hat sich gelohnt, ich war verzaubert, vergaß beinahe zu Atmen (was beim Tauchen eine eher schlechte Idee ist), um zu lauschen ob ich das Meeresleuchten nicht auch noch hören könne. Ich war beinahe erstaunt als ich keine unterirdische Musik vernahm, sondern nur das übliche dumpfe Geräusch, das nur ein Ignorant als Stille beschreiben würde. Auch als ich wieder reden konnte, nachdem ich von den Sternen meiner eigenen Welt in Empfang genommen wurde, konnte ich erst einmal nichts sagen. Erst später konnte ich meine grinsenden Zähne auseinander nehmen und meinem Tauchlehrer für dieses unbeschreibliche Erlebnis bedanken. Ja, ich habe gerade trotzdem versucht es zu beschreiben, aber ich denke es ist mir nicht gelungen. Vielleicht war es aber genug, um ein Gefühl zu geben für die Dinge, die unsere Welt zu bieten hat. Wobei ich nicht sicher bin, ob dies überhaupt ein Teil unserer Welt war.

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Ort der Woche: Bisher waren die Orte der Woche immer die Höhepunkte der Woche. Atemberaubende Natur, verlassene Dörfer, qualmende Vulkane. Da der ganze Blogeintrag aber sowieso schon über die paradiesische Karibikinsel Utila der Bay of Islands in Honduras geht, will ich nicht weiter die Daheimgebliebenen mit Beschreibungen von weißen Stränden und türkisem Wasser quälen, sondern über einen Ort berichten der den Titel aus einem anderen Grund verdient. Alleine sein Name ist gefährlich, denn man kann sich bei dem Versuch ihn laut auszusprechen leicht die Zunge brechen. Und obwohl es eine Hauptstadt ist, haben wohl die wenigstens den Namen Tegucigalpa schon einmal gehört. Im Gegensatz zu all den bisherigen Orten der Woche wurde uns bei diesem nicht empfohlen ihn zu besuchen, sondern dringendstens davon abgeraten. Honduras sei ohnehin nicht ungefährlich, vor allem aber ist es die größte und wichtigste Stadt des Landes. Da das Reisen in Dunkelheit nicht besonders helle ist, mussten wir unsere Reise von Nicaragua zu der Trauminsel irgendwo unterbrechen. Und weil Tegucigalpa eben auch die Verkehrshauptschlagader des Landes ist, stiegen wir also vorsichtig aus dem Bus, um auf direktem Wege mit einem Taxi in ein Hostel zu fahren. Dass man hier nachts nicht auf die Straße gehen soll, schienen sogar die Einheimischen zu befolgen. Zumindest auf den Straßen durch die wir fuhren war tatsächlich keine Menschenseele zu sehen. Doch spätestens als wir die Wertsachen im Hostel abgestellt hatten und am Straßengrill direkt vor der Tür mit den Locals herum flachsten, wich die Angst aus unseren Gesichtern und machte Platz für das genussvolle Lächeln, das durch die leckeren “Pupusas” ausgelöst wurde (gegrillte Teigfladen gefüllt mit Bohnenmuss und Käse). Diese kulinarische Neuentdeckung hat mein ungutes Bauchgefühl beruhigt, trotzdem war ich froh als wir die Stadt am nächsten Stadt in Richtung des eigentlichen Ort der Woche verließen.

Beobachtung der Woche: Vielleicht bin ich doch bereit diese Reise zu beenden. 1 Monat vor dem Ende meiner Reise denke ich jeden Tag daran, dass der Tag näher rückt an dem ich in den Flieger steige und dem Abenteuer ein Ende setze. Und noch gestern hätte ich gesagt, dass ich nicht bereit bin. Dass ich nicht aufhören will. Und dass ich, obwohl ich meine Familie und Freunde vermisse, am liebsten für immer so weiter machen würde. Das viele Nachdenken darüber hatte aber etwas Gutes, denn es brachte mich zu der Beobachtung der Woche, ja vielleicht sogar der Reise: Es ist nicht das Reisen an sich, dass ich so sehr vermissen werde, es ist das 100%-ige Glück, dass ich nicht aufgeben will. Jeden Tag empfinde ich aufs neues ein Gefühl von Zufriedenheit, Euphorie und Glückseeligkeit. Es ist ja auch einfach, wenn man keine Verpflichtungen mehr kennt, keine Termine hat, 1000 Möglichkeiten den nächsten perfekten Tag zu gestalten. Ich will dieses Glück nicht aufgeben, dass durch diese Droge “Reisen” immer und immer wieder verursacht wird. Ich bin abhängig geworden (schon damals in Australien) und weiß, dass der Entzug mir wahnsinnig schwer fallen wird. Vom Reisen an sich, dem Packen des Rucksackes, dem Planen von Busfahrten (und dem ewigen sitzen in Bussen) habe ich genug. Und ich muss zugeben, dass man nach 7 Monaten sogar von der Schönheit der Landschaften, der Neuheit von Geschmäckern und Gerüchen, den verheißungsvollen Abenteuern in Dschungeln, Ruinen, abgelegenen Flüssen und dampfenden Vulkanen ein bisschen übersättigt ist. Die Lust jeden Berg zu erklimmen, jedes wilde Tier zu suchen, jedes entlegene Dorf zu entdecken hat ein bisschen am Reiz verloren. Und genau deshalb ist es jetzt Zeit nach Hause zu kommen. Ich muss zumindest wieder kurz zurück in die reale Welt. In das normale Leben, von dem erwartet wird, dass wir es leben. Ich muss kurz auf dem Boden der Tatsachen zurück, damit ich erneut abheben kann, in den himmlischen Zustand des Reisens. Und alles wieder in mich aufsaugen kann. Gut gesättigt werde ich heimkommen (nicht bevor ich noch den Leckerbissen Guatemala verschlungen habe) und warten bis ich wieder hungrig bin. Aber ich kenne mich, ich freue mich schließlich schon beim Abendessen auf das Frühstück. Ich bin eben eine besonderes verfressene Person.

Unviech der Woche: Ich hatte alle meine Hoffnungen in dieses Monsterviech gesetzt, hatte versucht es mit beschwörerischen Gedanken anzulocken, hatte es mir mit Hilfe abergläubischer Methoden wie „Wimpern pusten“ gewünscht und war eigentlich nur seinetwegen den weiten Weg von Nicaragua nach Honduras gekommen. Es handelt sich um den Walhai, das größte Tier der Welt, dass sich, angeblich auch zu dieser Zeit, in den Gewässern rund um Utila aufhalten soll. Es hat alles nichts genutzt, das Riesenviech der Welt ließ sich nicht blicken. Es hätte wohl einige spiritueller Maßnahmen mehr gebraucht, denn es gehört wohl eine gehörige Portion Glück dazu es zu sichten. Ich habe nun seit 7 Monaten Glück mit allem, da kann man sich wohl nicht beschweren wenn mal etwas nicht direkt klappt. Wenn die Menschheit es schafft sich noch ein paar Jahr zu benehmen und diese Welt nicht zu bald zu ruinieren, habe ich ja auch immer noch Zeit ein anderes Mal mit diesem Fisch, so groß wie ein Schiff, herum zu plantschen. Also, rettet die Wale! Ich würde so gerne eines Tages vom Walhai als Viech der Woche berichten.

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Investition der Woche: 250 Dollar für meinen Advanced Open Water Tauchschein. Ich habe lange überlegt ob ich, trotz meines oben beschriebenen Sättigungsgefühls, meinen zweiten Tauchschein machen sollte. Ich habe schon so viele Wahnsinnssachen erlebt, dass dieser Tauchschein meiner Ansicht nach nicht genug Vorfreude verliehen bekam. Ich entschied mich dennoch dazu ihn jetzt zu machen, da ich es immer noch genießen würde (auch wenn vielleicht nicht so sehr wie im hungrigen Zustand, in ein paar Jahren). Schuld daran doch zu investieren war der günstige Preis (der 4 Tage Unterkunft enthielt, ich also quasi 4 Tage lang kaum weitere Kosten hatte) und der erhoffte Walhai. Für 180 Euro muss ich in Deutschland 3 Tage lang auf einer Messe arbeiten. Da kann ich wohl kaum auf 4 Tage paradiesischen Spaß und die Chance auf einen monströsen Fisch verzichten.

Rest der Woche: Der Abschied aus Nicaragua fiel mir besonders schwer. Es waren 3 schöne Wochen gewesen, in diesem Land von dem ich vorher nichts wusste. Jetzt glaube ich mehr als von jedem anderen Land darüber zu wissen. Auch schwer waren die beiden ersten Tage in Honduras, da sie nicht nur aus 2 extrem langen Tagen im Bus bestanden, sondern eben auch begleitet waren von der Furcht und den Hintergedanken an die uns erzählten Geschichten über die Gefährlichkeit dieses Landes. Nachdem dann auch die Fährfahrt auf die Insel, ganz im Norden des Landes, ganz ohne Seekrankheit überstanden war, galt es nur noch all die aufdringlichen Tauchschulen abzuwimmeln die am Pier auf einen warteten und einen mit Angeboten bombardierten, noch ehe man einen Fuß aufs Festland hatte setzen können. Nachdem    auch das überstanden war, begannen 4 herrliche einfache Tage, die nur aus Tauchen, Sonne, Essen, Strand und Meer bestanden. Hatten wir uns auch wirklich verdient, so ein bisschen Urlaub vom Reisen.

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