Bogotá // Baranquilla

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Erfahrung der Woche: Karneval in Kolumbien. Und Kölle ist trotzdem besser. Gut, Karneval in Baranquilla (Kolumbien) ist etwas anderes als Karneval in Rio (und eben Kölle). Aber immerhin ist dieses farbenfrohe Verkleidungsfest, das in diesem hässlichen kleinen Hafenstädtchen dann stattfindet wenn auch in Deutschland die Jecken auf den Tischen tanzen, das größte und traditionellste Volksfest welches das Land zu bieten hat. Mit hohen Erwartungen reiste ich also mit meiner kolumbianischen Begleitung 18 Stunden im Bus gen Norden durch das Land, um zu diesen Festivitäten zu gelangen. Karnevalssamstag schlenderten wir kurz am Umzug vorbei, der im Vergleich zum Deutschen, wie war es auch anders zu erwarten, ziemlich unorganisiert erschien. Man bespritze uns mit Wasser und bewarf uns mit Mehl, was hier üblich ist (ziemlich unüblich für mich war Karneval bei gefühlten 39 Grad). Nun war ich also verkleidet als deutsches Schnitzel und Bier trinkend ging es weiter bis zum Abend. Mit einem weiteren Kolumbianer und einem Argentinier ging es dann zu einem Open Air Festival, auf dem wir bis zum Sonnenaufgang Salsa und Merengue tanzten und den bekanntesten kolumbianischen Bands lauschten, die den Höhnern und de Räuber nicht den Rang ablaufen konnten. Es war einfach die selbe Musik, die sonst auch in jeder Disko läuft, also keine spezielle Karnevalsmusik. Etwas unausgeschlafen starteten wir den Karnevalssonntag mit einem Fischfrühstück. Danach ging es dann zum Fotografieren und Bier trinken zum Karnevalsumzug. Ich kann eines mal sagen, es fehlten die Süßigkeiten die einem sonst wie Hagelkörner aus dem Schlaraffenland um die Ohren fliegen. Die Kostüme waren eher weniger spektakulär als erwartet, beinahe nur Fußvolk und kaum Musik. Es mag klingen als sei ich enttäuscht, stimmt nicht, der Karneval in Kölle ist nur einfach besser. Am Abend ging es dann in einer Gruppe von circa 7 Kolumbianern, einem Ammi und Franzosen zu einem Konzert der Bomba Estereo, einer Band die Salsa mit Elektro mixt. Stark! Besonders stark, dass einer uns VIP Bändchen organisierte, die uns zu Häppchen, freien Drinks und bester Sicht verhalfen. Das Ganze hatte mit Karneval allerdings überhaupt nichts mehr zu tun. Machte aber nichts, das Wochenende war der Wahnsinn und hier versteht jeder ganz bestimmt wenn ich sage “Viva Colonia!”

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Ort der Woche: Casa Carlos. In nur einer Woche schaffte mein neuer Freund Carlos mir das alltägliche Leben in Bogotá nahezubringen. Das lag daran, dass ich an seinem Leben beinahe 24/7 teilnahm, ihn also einen Tag zu seiner Arbeit als Musiklehrer in einer Privatschule begleitete, jedes typisch kolumbianische Essen aß das er mir unter die Nase hielt, auf 2 Familienfesten von den freundlichen Onkel und Tanten aufgenommen wurde, mit ihm und seinen Freunden ausging – ja eben alles mitmachte was bei ihm so auf dem Programm stand. Eine angenehme Abwechslung war das nach der Reiserei, bei der man ständig etwas Neues sucht und sich anstrengen muss neue Leute kennenzulernen und jeden Tag aufs Neue seine beste Seite zu zeigen (für einen Banausen wie mich schließlich jeden Tag eine neue Herausforderung). Gegen Ende der Woche wollte Carlitos dann aber Revange und offenbarte mir, dass er nun auch an meinem Lifestyle einmal teilhaben wolle. Er würde also eine Woche mit mir in den Norden des Landes, an die Karibikküste reisen. So fiel es mir nicht ganz so schwer, mein temporäres Zuhause in Kolumbiens Hauptstadt wieder zu verlassen. Vorbei war die Zuneigung seiner Mutter, die sich um mich sorgte und kümmerte, der Waschmaschine, dem eigenen Bett, Internet, sauberer Dusche und all dem Komfort den ein Zuhause so bietet. „Mi casa es tu casa“ nimmt man in Kolumbien jedenfalls offensichtlich sehr wörtlich.

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Beobachtung der Woche: Mein Geld wird knapp. Ich habe den Fehler gemacht mir mein Konto mal genauer anzuschauen. Bisher reiste ich immer mit der Masche: So wenig ausgeben wie möglich, aber mit gutem Gewissen investieren wenn nötig. Jetzt habe ich das erste Mal einen Tagessatz ausgerechnet, mit dem ich bis zum letzten Tag meiner Reise auskommen muss. Ich halte nichts von diesen Tagessätzen, weil es Tage gibt an denen man nur einen Bruchteil des Satzes braucht und welche da braucht man das Doppelte. Bustickets und Eintrittsgelder werden mir das Genick brechen. Couchsurfing mich hoffentlich bis zum Ende über Wasser halten. Es gibt Dinge auf die ich verzichten kann wie Eiscreme, Kaffee, Bier und Klamotten. Aber es gibt eben auch Dinge die ich jetzt machen muss, wo ich schon mal hier bin. Dazu gehört auch der Open Water Tauchkurs den ich nächste Woche machen will, weil Taganga in Kolumbien einer der drei billigsten Orte der Welt dafür ist. Auch zur „Verlorenen Stadt“ muss ich, und mit dem Segelboot von Kolumbien nach Panama. Für solche Sachen verzichte ich sogar auf Schokolade und Erdnussbutter. Ich werde allerdings meine Familie beauftragen mich mit diesen Gütern am 27. Mai Flughafen am zu erwarten.

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Viech der Woche: Die Glühwürmchen (span.: Luciernagas). Ich bin der deutschen Sprache auch nach 2 Wochen intensiven Spanisch-Sprechens noch mächtig. Der Artikel “die” ist beabsichtigt, ist er doch der Grund, warum diese Viechlein Viecher der Woche wurden. Ich traute meine Augen nicht, die gerade gedankenverloren über die dunklen, von Bananenstauden eingerahmten Felder schweiften. Zuerst dachte ich es handele sich um Tau, das sich in irgendeinem Licht spiegelte. Doch als ich genauer hinstarrte wurde mir klar, dass es sich um Tausende von Glühwürmchen handelte, die wie übertriebene Glitzereffekte eines kitschigen Disneyfilms auf Palmenspitzen, Strohdächern und Grashalmen durch die Nacht tanzten. Ich habe noch nie so viele Glühwürmchen gesehen. Am liebsten hätte ich den Bus angehalten und ein bisschen mit den Glühwürmchen getanzt. Wobei die in Kolumbien sicher auch Salsa tanzen. Und da bin ich noch immer im Übungsstadium. Und ich hätte diesen wunderschönen Anblick mit meine unprofessionellen Bewegungen nur ruiniert. Wobei meine Augen mit Sicherheit mit den kleinen leuchtenden Dingern mitgehalten hätten.

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Fehl-Investition der Woche: Cathedral de Sal. Für die 7 Euro die ich für diese reine Touristenfalle ausgab, hätte ich mir besser ein aufblasbares Kofferradio gekauft. Oder irgendeinen anderen Blödsinn der sowohl nutzlos als auch Platzverschwendung ist. Der Lonely Planet empfahl diesen Ort wärmsten (wie so viele die sich später als Zeitverschwendung rausstellten), pries ihn sozusagen als kulturelle Stätte an, die nicht zu missen sei. Also setzte ich mich mittwochs für 1.5 Stunden in den Bus und fuhr nach Zipaquirá um mir dieses “Wunderwerk” anzusehen. Die Mine an sich schien mir ja interessant zu sein, ist sie neben Kanada und Polen die dritte und letzte Salzmine die weltweit solcherlei Salze abbaut. Und das vor allem seit hunderten von Jahren. Die Kirche wurde aber im Prinzip nur dorthin gebaut um armen Backpackern wie mir die letzten Münzen aus der Tasche zu locken. Klar, gebetet wurde dort von den Minenarbeitern auch ein bisschen, aber primär wurde sie eben gebaut, um den nutzlosen leeren Raum zu nutzen den die ausgeschlachteten Salzminen hinterlassen hatten. Als ich abends enttäuscht auf dem zweiten Familienfest der Woche von meinem Erlebnis berichtete, bestätigten mir die Einheimischen einstimmig, dass sich ein Besuch dieser Kirche wirklich nicht sonderlich lohne. Wieso hat mir das denn keiner vorher gesagt? Dann würde ich hier nun sitzen und vergnügt zum Takt meines Kofferradios pfeifen. Na ja, dann pfeife ich eben zu den spanischen Liebesliedern, die der alte Mann mit den Rastas neben mir gerade auf der Gitarre spielt und die mir das Blogschreiben am Strand, 2 Meter entfernt vom Meer unter einer von Lichterketten behangenen Palme etwas erleichtern.

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Rest der Woche: Ich habe jeden Tag Arepa gegessen, ein kleines weißes Maisküchlein das nach fast gar nichts schmeckt. Carlos hat es so lange mit ordentlich Butter und Salz gebraten, bis es nach irgendwas schmeckte. Die Leute hier essen das wie Brot. Ich bin von regendurchfluteten Straßen in Bogotá bis in den Norden nach Baranquilla geflüchtet. Ich habe gelernt Rum pur zu trinken (wie Jung und Alt es hier tut, um sich zu beduseln). Ich habe meine Salsakünste verbessert, wenn auch mit Kolumbianern statt mit Glühwürmchen. Ich habe das beeindruckende Museo de Oro (Goldmuseum) in Bogotá besucht, den kolumbianischen Kaffee probiert, der bisher gar nicht so toll ist wie alle sagen, habe Bandeja Paisa probiert, das Lieblingsgericht all meiner männlichen kolumbianischen Freunde und herausgefunden warum dem so ist: es handelt sich dabei um eine Platte aus Wurst mit Wurst und Fleisch mit Fleisch, alles extra fettig und recht unlecker. Ich habe mit Schrecken festgestellt, dass hier Menschen mit dem Habitus aufwachsen Hühnersuppe zum Frühstück zu essen und habe stattdessen lieber Fisch gewählt. Ich habe eine Woche mit der wohl nettesten Bekanntschaft meiner ganzen Reise verbracht (ein Freund eines Freundes aus der Schweiz). Ich freue mich auf die nächste Woche mit ihm, wo der neue Freund zum Buddy wird, da wir zusammen tauchen lernen wollen. Ich freue mich auf die Karibik, denn jetzt beginnt der letzte, tropische Teil meiner Reise – von der nur noch 2 Monate übrig bleiben.

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