Potosí // Arequipa

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Erfahrung der Woche: Ich bin immer noch keine Heilige. Und das, obwohl ich doch jetzt Freiwilligenarbeit leiste! Seit letztem Dienstag arbeite ich in einem Waisenhaus in Arequipa (Perú) und jeden Abend wenn ich ins Bett falle, fühle ich mich als hätte ich 24 Stunden gearbeitet und nicht 6-8 , aber irgendwie nicht wie ein viel besserer Mensch. Dabei wäre so ein Heiligenschein ein Accessoire, das mir sicher ganz gut stehen würde. Ohne Lohn oder Heiligenschein zu verdienen, stopfe ich also Brei in störrische Kindermäuler, wechsle Windeln (auch eine Erfahrung der Woche übrigens), putze, helfe den älteren Kindern bei den Hausaufgaben, bringe sie mit Fußball spielen zum schwitzen (und zeige den Jungs aus welchem Land der gute Fußball kommt – was sie bewundernd anerkennen mussten nachdem sie mich spielen sahen) mit Witzen zum Lachen und mit Geschichten zu Phantasie. Zuerst war ich ein bisschen enttäuscht als ich hier ankam, denn ich wohne in einem großen Haus mit Garten, mit ca. 13 anderen Volunteers zusammen (6 arbeiten im Kinderheim, der Rest in einer Grundschule), die jeden Abend feiern gehen. Per se ist das ja nicht schlimm, aber ich wollte eigentlich irgendwo arbeiten wo ich der einzige Volunteer bin, wo ich einen großen Unterschied bewirken kann. Als ich dann aber bei “Traveler Not Tourist” im Büro stand, wurde mir klar, dass ich das hier durchaus kann. Ich wurde gebeten die Leitung über die anderen Volunteers zu übernehmen und gegebenenfalls einige Projekte zu koordinieren, da ich die einzige Freiwillige bin die auf Spanisch kommunizieren kann. Ich nahm die Managerposition-ohne-Managergehalt an und beschloss also das Beste aus der anderes erwarteten Situation zu machen und positiv zu sehen, dass ich eben doch heißes Wasser, sogar ein eigenes Zimmer mit Dusche, Internet, eine wunderschöne Stadt und ab und an auch mal den ein oder anderen Drink zur Verfügung habe. Es ist so zwar nicht unbedingt die Erfahrung des Lebens die ich eigentlich machen wollte, aber es gibt viel zu tun und ich plane fleißig Projekte die den Kindern in Erinnerung bleiben werden. Kleinvieh macht auch Mist denke ich mir. Und wenn das soviel ist wie bei den Kleinkindern, habe ich noch einige Windeln zu wechseln in diesem Monat.

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Ort der Woche: 45 Meter unter dem Cerro Rico (reicher Hügel), in einer Silbemine in Potosí, Bolivien. Potosí ist die höchste Stadt der Welt und war einst Heimat der größten Silbermine des spanischen Reichs, die wiederum im Laufe der Zeit zum Grab für 8 Millionen Arbeiter wurde. Auch heute sterben dort immer noch 35, der unter unmenschlichen Bedingungen arbeitenden, armen Kreaturen. Eine vierstündige Tour in diese Hölle kostete mich 60 Bolivianos (6€), was der Tageslohn für die meisten Arbeiter in der Mine ist (je tiefer man unter der Erde schuftet, desto mehr verdient man. Bei 80 Boilvianos ist aber Schluss). Zuerst wurden wir mit Overall, Gummistiefeln, Helm und Taschenlampe ausgestattet, dann versorgten wir uns auf dem „Miners Market“ noch mit Geschenken für die Arbeiter (bevorzugt Saft und Coca, aber auch 96%-iger Alkohol und Zigaretten. Denn ohne den Rausch aus Coca und Alkohol kann niemand diese Arbeit verrichten). Unser Guide, selbst einst ein Arbeiter in einer Mine, führte uns also in den Rachen des Teufels selbst. Sauerstoff zischte aus Plastikrohren, die sich auf dem schlammigen Boden neben uns her in den Berg wanden. Es wurde immer wärmer, enger und dunkler. Schließlich hatte der Teufel uns verschluckt und wir kletterten auf steilen Leitern seinen Schlund hinunter. Immer wieder hielten wir bei verschiedenen Arbeitern an, manche gerade mal 15 Jahre alt, und bezahlten sie mit Coca und Alkohol für die Informationen die sie uns mit zu Boden gesenkten Blick erzählten. Auch ich hatte meinen Blick zu Boden gesenkt, da das Atmen in der Höhe schwer viel, in der Tiefe noch viel mehr. Besonders aber weil der Geruch von Coca und Alkohol, der auch aus dem Mund unseres Führers strömte, mich fast ohnmächtig werden lies. Als wir dann schließlich irgendwo im Magen Satans saßen und über eine Götterfigur der Minenarbeiter lernten (die selbst den Körper eines Teufels hatte), vibrierte auf einmal der Berg und es fühlte sich an als hätte Herr Mephisto Magenknurren. Als ich meinen Schrecken überwunden hatte und fragen konnte ob das normal sei, stellte sich heraus, dass es “nur” eine von 4 Dynamit-Sprengungen des Tages gewesen war. Zum Glück war der kleine Teufel, im Teufel selbst, die letzte Station der Tour und ich war froh, als ich über die schleimig, schlammige Zunge wieder ans Licht der Welt waten konnte. Eine sehr surreale Erfahrung, die sich im Nachhinein anfühlt wie ein Alptraum. Nicht weil es schlimm für mich war, sondern weil es ein Ort ist, an dem jeden Tag der Alptraum für so viele Menschen stattfindet.

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Altar zu Ehren "Pachamama" – der Mutter Erde.

Altar zu Ehren der „Pachamama“ – der Mutter Erde.

Beobachtung der Woche: Ausländer sind mal erfreulich und mal unerfreulich. Man (oder ich?) ist ja immer auf der Suche nach Orten an denen nicht so viele oder besser noch, gar keine Ausländer sind. Als ich allerdings die Grenze von Bolivien nach Perú überquerte, war ich doch sehr froh, als ich einige weitere hilflose Touris entdeckte, die versuchten in dem Gewirr aus Marktständen, Bolivianern, Peruanern und Fahrradtaxis das Land zu wechseln. Es ging eher zu wie auf einem Jahrmarkt und so waren die 4 weiteren Ausländer und ich direkt eine eingeschworene Gemeinschaft. Wir halfen uns gegenseitig den Weg durch das Labyrinth zu finden und es rechtzeitig in unsere verschiedenen Busse auf der anderen Seite der Landesgrenze zu schaffen. Denn wer weiß denn schon, ob die auf einen warten? Man ist schließlich in Südamerika. Es war das erste Mal, dass ich an einem Ort war, wo so wenige Ausländer waren. Es ist nicht ausschließlich ein schönes Gefühl. Spannend, trifft es eher.

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Viech der Woche: 2 Drachen. Wer noch nicht wusste, dass es diese in Perú gibt, sollte mal nach Arequipa kommen und im “Casa Hogar”, dem Waisenhaus wo ich arbeite vorbeischauen. Man kann dort 2 Exemplare besichtigen, die 18 Waisenkinder aufziehen. Aber ich will diese recht gehässige Beschreibung mal schnell relativieren, denn ich persönlich finde die beiden älteren Damen gar nicht so schlimm. Ich wurde gewarnt, von den 3 Australierinnen die vor mir dort anfingen und von Leuten, die schon nicht mehr dort arbeiteten. Die beiden seien mit Vorsicht zu genießen. Beim Willkommens-Interview sollte ich auf keinen Fall erwähnen, dass ich Alkohol trinke oder feiern gehe. Ich wurde tatsächlich gefragt ob ich Tattoos oder etwa einen Freund habe und als ich antwortete ich wohne in Hamburg mit einem Mädchen zusammen, wurde ich skeptisch über sie ausgefragt, um herauszufinden ob ich nicht vielleicht lesbisch sei. Nachdem ich die Feuerprobe überstanden hatte lernte ich, wie ich die Babys in 3 Wolldecken einpacken muss, bis auch das letzte Haar auf ihrem Köpfchen vom Schweiß verklebt ist. Lüftete ich einen Zipfel auch nur für einen kurzen Augenblick gab es Ärger. Das Essen, das man von ihnen angeboten bekommt muss man aufessen, egal wie furchtbar man es findet. Riskant, aber ich beschloss von nun an mit den Drachen zu speisen, da ich beschloss, dass die beiden eigentlich keine solchen sind, sondern einfach nur kulturell völlig anders als wir. Was die beiden noch rabiater wirken lässt als sie vielleicht schon sind ist, dass sie kein Englisch können und ihre Befehle an die anderen nur kurz zischen und fauchen können. Die 3 Australierinnen waren als ich kam kurz davor den Kampf gegen diese vermeintlichen Monster aufzugeben und früher abzureisen. Jetzt habe ich es zum Glück geschafft ihnen zu vermitteln, dass die beiden eigentlich ganz nett, nur eben ganz anders sind. Und weil ich was anderes will, bin ich schließlich auch woanders.

Investition der Woche: 60 US Dollar (45€) für das Volunteering. Wieso bezahlen, wenn man schon nichts verdient, mag man sich fragen. Aber es handelt sich hierbei in Wirklichkeit um ein Schnäppchen. Würde man solche ein Stelle aus Deutschland über eine Organisation buchen, würde man mehrere hundert Euro ausgeben, um für einen wohltätigen Zweck zu arbeiten. Ich habe das Waisenhaus nach langer Suche auf www.volunteersouthamerica.net gefunden und mir den Job quasi selbst organisiert. Das Geld geht an die Organisation und so kann man es als Spende und nicht als Abzocke sehen. Kost und Logis muss ich außerdem selber bezahlen, man kann schließlich nicht erwarten, dass mir das jemand bezahlt der gerade selber irgendwie auskommt mit dem Geld welches er ausschließlich durch Spenden selbst zur Verfügung hat. Ich werde noch mehr meines wenigen Reisebudgets investieren, für Weihnachtsgeschenke und ein gigantisches Weihnachtsfest, das die Kinder dieses Jahr unbedingt erleben sollen. Aber da hier der Peruanische Sol regiert, aus dem man mit dem Euro einiges rausholen kann, kann man mit wenigen Euros auch einiges erreichen. Und irgendwie ist es nicht nur eine Investition der Woche, oder des Monats den ich hier anbringe, sondern eine Investition meines Lebens. Es ist die erste Spende bei der ich sehe, dass sie wirklich ankommt und etwas erreicht – nämlich glückliche Kinderaugen. Wer das liest und mich unterstützen will, ist herzlichste eingeladen dies zu tun. Ich werde das Geld in die Hand nehmen und es dort investieren, wo es gebraucht wird. Das werde ich jedem der dies tut, mit Fotos beweisen. Lena Reckeweg, Sparkasse KoelnBonn, Kontonummer 1900632363, BLZ37050198. Und wenn ich sage, schon ein Euro kann etwas bewirken, ist das kein komischer Werbeslogan, sondern wahr.

Rest der Woche: Nach einem Tag in Potosí ging es mit dem Nachtbus nach La Paz und von dort aus am frühen Morgen direkt weiter nach Arequipa. Nachdem ich wieder einmal insgesamt 24 Stunden im Bus verbracht hatte, war ich froh als ich in der „Weißen Stadt“ ankam. Diese nennt man wegen der vielen Gebäude aus hellem Vulkanstein so die sich am Fuße des El Misti, dem „schlafenden“ Vulkan befinden. Hier werde ich nun also einen Monat inklusive Weihnachten und Silvester verbringen. Die anderen Volunteers sind schon wie eine Familie, wir kochen zusammen, gucken Abends zusammen fern und erkunden die Umgebung (wenn uns die Zeit dafür bleibt). Es ist vielleicht doch ganz gut, dass man nicht der einzige Volunteer ist, denn so kann man seine Erfahrungen teilen. Mittlerweile kann ich mich sogar ein kleines bisschen auf Weihnachten freuen, mit den Kindern, Drachen und Volunteers wird es sicher auch ein schöner Tag. Obwohl Weihnachten ohne Schnee, Glühwein und vor allem der eigenen Familie einfach nie Weihnachten sein wird.

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